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Als ich meine Augen öffne ist mir schwindelig. Ich springe auf und stolpere in die Nacht. Es riecht nach Bier, Schnaps und McDonalds und irgendwo höre ich die Sirenen eines Krankenwagens. Ich ziehe den Kragen meiner Jacke über mein halbes Gesicht und mache mich zu Fuß auf den Weg nach Hause. Es ist tierisch kalt und immer noch bin ich leicht benommen.

Die Nacht war schneller vorbei als ich es vernahm, ich tanzte heftiger als ich dachte und ich trank mehr als ich wollte. Ich bin alleine unterwegs und beobachte die Menschen, die in diesem Moment auf dem Weg zur Arbeit sind. Plötzlich fühle ich mich schlecht. Das schlechte Gewissen quält mich und weil Alkohol ab einer bestimmten Zeit eher ein depressives Gefühl über mich bringt, bleiben meine Gedanken hängen und lassen sich nicht verdrängen. Ich will nach Hause, mich in mein Bett legen und warten bis alles wieder in Ordnung ist aber leider ist der Heimweg länger als gedacht und auf dem Display meines iPod´s wird ein neues Lied angezeigt. „Rise Against – Survive“ und als Tim McIlrath in sein Mikrofon brüllt, fühle ich mich verstanden…

„Somewhere between happy, and total fucking wreck
Feet sometimes on solid ground, sometimes at the edge
To spend your waking moments, simply killing time
Is to give up on your hopes and dreams, to give up on your…
Life for you has been less than kind
So take a number, stand in line
We’ve all been sorry, we’ve all been hurt
But how we survive, is what makes us who we are!“

Bin ich nur ein Träumer?

In ein paar Monaten werde ich 26 Jahre alt und ich fühle mich, als läge ein riesiger Scherbenhaufen vor mir. Ich weiß nicht welche Scherbe ich aufheben muss oder welche ich besser liegen lasse. An welcher ich mich schneiden werden oder welche mich ein Stück weiterbringt. Ich habe keine Ahnung. Wenn mich jemand nach meiner Zukunft fragt, habe ich ebenfalls keine Ahnung, dabei habe ich so viele Träume und Wünsche. Ich möchte von überall arbeiten und Reisen. Die Welt sehen und neue Kulturen entdecken. Ich wäre gerne in der Entwicklungshilfe tätig – Menschen helfen und was bewegen. Ich möchte Bilder machen, die später mal in einem Buch abgedruckt werden und zeigen, wie kaputt diese Welt ist und was wir aus ihr gemacht haben. Ich möchte jeden Tag nach Hause kommen und mir denken:„Heute hast du etwas bewirkt“. Gerne würde ich meine eigenen Träume leben und mich weiterentwickeln. Jeden Tag vor neuen Herausforderungen stehen und wieder zittern wie vor der letzten Matheklausur 2010 und mir denken:„Verdammt, du gehst da jetzt hin und machst das, was soll schon passieren – weiterleben wirst du so oder so!“ Ich verbringe den ganzen Tag damit über all meine Träume nachzudenken und oft starre ich geistesabwesend aus dem Fenster und stelle mir ein ganz anderes Leben vor und versuche zu überlegen, wie ich das wohl erreiche könnte. Denn wir sind gefangen in Strukturen und alten Angewohnheiten.

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MARIONETTEN IM SYSTEM

Jeden Morgen fahren viele Menschen in diesem Land zur Arbeit. Ob sie glücklich und zufrieden sind, spielt für viele keine Rolle mehr. Denn das Einzige was zählt sind die Scheine auf dem Konto. Viele wachen Morgens auf und qäulen sich in volle Busse, Bahnen oder verbringen Stunden auf der Autobahn. So wie ich. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal aufgewacht bin und mir gedachte habe:„Ich freue mich auf den Tag und meine Tätigkeit!“ Ok, doch! In Afrika war das der Fall! Aber jetzt bin ich hier – zurück in Deutschland. In einem Land, indem man schon mit 17 wissen muss, was man bis an sein Lebensende machen möchte. In dem Studieren zum Pflichtprogramm geworden ist und wo man möglichst nicht über seinen Job zu meckern hat. Denn schließlich müssen alle anderen auch jeden Morgen zur Arbeit. Schon damals habe ich meinem Vater gesagt, das mich die anderen nicht interessieren. Wieso muss ich im Schwarm mitschwimmen und es ok finden wenn ich frustriert bin. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die genauso leben, wie ich niemals leben will und was ich meinen Kindern (wenn das überhaupt der Fall sein sollte) so auch niemals vorleben möchte. Alles tun und sich verbiegen für einen sicheren Job, unglücklich die Arbeitsstunden rumkriegen und sich von Woche zu Woche schleppen. 30 Tage Urlaub im Jahr als „Freiheit“ zu bezeichnen. Sich morgens schon wieder auf den Feierabend zu freuen und das Sofa und den Fernseher als Abendprogramm zu nutzen. Sich zum Ziel setzen: mit 30 ein Haus, zwei Kinder, einen Hund, ein schönes Auto und den perfekten Typen an Land gezogen zu haben. Es ist schön – wenn man das alles von Herzen möchte –  aber nicht weil es eine uralte Tradition ist und es eben so sein muss. Jeder sollte selber entscheiden was er möchte und wann er sich zu etwas entscheidet. Wenn mir jemand sagt, dass er seinen Job liebt, wenig verdient aber trotzdem glücklich ist, dann bewundere ich solche Leute viel mehr als Menschen in irgendwelchen Führungspositionen mit nem dicken Konto. Die am Ende nicht mal Zeit für ihre Familie haben und unglücklich und genervt im Büro sitzen.

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GENERATION FAUL?

Die 6. Klasse musste ich wiederholen, weil ich in Mathe und in Englisch Probleme hatte. Probleme mit etwas zu haben heißt nicht, dass man dumm ist. Mathe ist bis heute einfach nicht mein Ding. Englisch hingegen schon – es brauchte nur eine Lehrerin, die nicht permanent schrie und uns als Hohlbirnen beschimpfte. Meine Mathelehrerin erklärte meinen Eltern, ich solle die Realschule verlassen und auf die Hauptschule wechseln, damit ich einfach in die 7. Klasse versetzt werde. Zwei Lehrerinnen, die meines Erachtens völlig fehl am Platz waren und mit ihren Entscheidungen meinen Weg in die Zukunft kaputt gemacht hätten. Dabei lag es doch irgendwie auf der Hand. Ich wiederholte, blieb auf der gleichen Schule und schaffte es immerhin bis zum Fachabitur. Heute fragt kein Mensch mehr nach meiner Schullaufbahn – höchstens nach meinem Schulabschluss. Ich weiß nicht, wie oft ich mir anhören durfte, dass ich faul sei. Das ich mich für nichts interessiere und dass aus mir sicher eh nichts wird. Warum? Weil ich Mathe eh nie können werde? Oder weil ich das Gedicht im Deutschunterricht falsch interpretiert hatte? Weil ich mit vielen anderen in einen Sack gesteckt werde? Weil ich auch heute noch morgens ungerne zur Arbeit fahre und mein Job nicht alles für mich ist? Oder weil ich lieber mit meinem Macbook von überall auf der Welt arbeiten möchte?! Meine Generation ist alles andere als faul. Wir wissen nur eher was wir wollen und wie wir uns unsere Zukunft vorstellen. Weil wir selber entscheiden wollen und unsere Zeit sinnvoll nutzen möchten, anstatt in Unternehmensstrukturen zu versauern und uns tagtäglich darüber zu ärgern, dass nichts passiert. Weil wir Ideen haben und kreativ sind. Weil wir wollen!!

UMWEG! DU STEHST IM WEG

Wer kennt es nicht?! Man sitzt zu Hause vor unzähligen Aktenordnern und sortiert Unterlagen. Da wird einem oft erst wieder bewusst, wo wir etwas abgeschlossen haben bzw. in meinem Fall:„ Hä, was war das denn nochmal?“ Kurz nach meiner Ausbildung hieß es plötzlich:„So, Jenny. Jetzt musst du dich mal um all deine Versicherungen kümmern“. Aber mal ganz ehrlich? Wer soll da einen Überblick behalten, geschweige denn eine Ahnung von all dem haben? Ich saß in diesem muffigen Büro und hörte ständig nur einen Satz von meinem Gegenüber:“ Frau Bartsch, das wäre das Beste. Frau Bartsch wie wäre es wenn…Frau Bartsch hören Sie noch zu?“ Ein Kerl, der versucht mir zig Versicherungen anzudrehen aber ständig betont, er „wolle nur das beste“ für mich! Hallo? Er weiß bis auf meinen Nachnamen und meiner Vorstellung vom Leben rein gar nichts von mir. Ich war schon immer ein Fan davon, keine Verträge abzuschließen und mich auf das Nötigste zu beschränken. Aber dann sitze ich über meinen Unterlagen und stelle mir vor wie es wäre, von heute auf morgen das Handtuch zu schmeißen und für lange Zeit wegzufahren. Heiliger, wer da vorher alles noch was von mir will oder wo ich mich abmelden muss. Der bürokratische Aufwand würde mich schon wieder meine Nerven kosten. Trotzdem besuchte ich die Seite von „Weltwärts“ und sah so viele interessante Wege um ins Ausland zu kommen. Sich zu engagieren und vor Ort zu helfen. Ich war Feuer und Flamme und ließ fast jeden Bericht von Rückkehrern und deren Erfahrungen. Als ich anderen davon berichtete hieß es direkt:„Wie willst du das machen? Willst du deinen sicheren Job für so was aufgeben? Was ist überhaupt mit deiner Wohnung? Bist du dafür nicht langsam zu alt? So was macht man schließlich nach dem Abi oder nach dem Studium. Wie sieht denn deine Familienplanung aus? Willst du ewig in deiner Dachwohnung wohnen?“

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Und genau das meine ich! Wer sagt, wann ich etwas machen muss und wann nicht! Warum wird davon ausgegangen, dass ich eine Familie gründen möchte und ist ein sicherer Job wirklich alles? Wer weiß, ob ich meine Rente je sehen werde – warum also nicht bis dahin die Zeit sinnvoll nutzen? Ich bewundere Menschen, die all diesen Strukturen hier entflohen sind und ihre eigenes Ding machen.

VERÄNDERUNGEN? JA, ABER LANGSAM!

Ich habe zwar schon viele Geschichten von anderen gehört, aber ich würde niemals alles von heute auf morgen hinwerfen und einfach gucken was passiert. Also, da bin ich echt ein großer Angsthase und könnte nachts nicht mehr ruhig schlafen. Veränderungen baue ich mir langsam auf – durchdacht und gut überlegt. Versuche jeden Tag aus einem Schritt einen größeren Schritt zu wagen, um es am Ende bis zu einem Sprung zu schaffen. Mir nicht mehr selber im Weg zu stehen und neue Herausforderungen einfach anzunehmen!! Wenn ich mich etwas nicht traue – dann erst Recht und wenn es in die Buxe geht, dann hat man es wenigstens versucht. Ich werde  einige Dinge ändern um in Zukunft etwas neues zu erreichen. Was wären wir schon, wenn wir keine Ziele mehr hätten. Wir sollten wieder spontaner werden. Mehr Reisen und andere Städte besuchen. Nach der Arbeit einfach durch die Innenstadt bummeln ohne auf die Uhr zu schauen, Freunde einladen und Freunde besuchen.

Unsere Zeit tickt und die Zeiger drehen sich im Alltag immer schneller. Am Ende liegen wir auf dem Sterbebett und blicken auf das Erlebte zurück. Da wird niemand stehen, der mir Beurteilungen vorliest oder mir für all die Überstunden dankt. Der mir weitere Zeit für meine Familie und Freunde schenkt. Am Ende werde ich alleine sein und hoffentlich auf mein schönes Leben zurückblicken…

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…Ich schließe die Tür auf und lasse mich auf mein Bett fallen. Es wird gleich hell, aber müde bin ich nicht und obwohl ich besser schlafen sollte, klappe ich mein Macbook auf und beginne diese Gedanken mit euch zu teilen…

 

Written by Jenny Bartsch
Portrait and Documentary Photographer

    3 Kommentare

  1. Jacques van Luyck 5. Mai 2016 at 15:02 Antworten

    Hallo Jenny, mir geht es ehrlich gesagt genauso wie dir. Es ist ein unbändiger Wunsch nach Freiheit nach der man sich selbst sehnt. Irgendwann wird einem selbst klar, das man in diesem Alltagstrott in dem wir hier im Raubtierkapitalismus leben nicht das findet, was man sucht.

    Wie du schon beschrieben hast, sammeln die meisten Menschen das Geld auf ihrem Konto. Es ist, als hätten sie eine neue Religion gefunden und alles andere um sie herum vergessen. Und wenn man diese Menschen fragt warum sie nichts daran ändern und sich mehr um ihr ihr Glück kümmern, kommt immer der Satz: So ist das nunmal.

    Ich selbst antworte dazu immer: Deswegen wird sich auch nie etwas ändern.
    Ich selbst habe etwas daran geändert und bin daraus ausgebrochen. Ich konnte es irgendwann einfach nicht mehr. Dieses ewige selbst belügen und rechfertigen der sinnlosen Dinge, von denen niemand etwas hat, außer der Unternehmer für den man arbeitet.

    Du hast Recht! Man sollte viel mehr reisen und das Leben und die Welt genießen. Es hat nunmal einen kleinen Preis, den ich aber wei ich finde wert war zu bezahlen. Und der richtige Partner, findet sich eher, wenn man selbst glücklich ist und nicht wenn man ein dickes Konto hat 😉

    Liebe Grüße,

    Jacques

  2. Jenny Bartsch 19. Mai 2016 at 22:26 Antworten

    Hallo Jacques:)

    Vielen Dank für deinen Kommentar! Freut mich, dass es auch noch anderen so geht. Was hast du denn geändert? Finde ich sehr mutig!!:)

    Liebe Grüße
    Jenny

  3. Peggy Waack 23. Januar 2017 at 13:20 Antworten

    Hallo Jenny, ich hätte eigentlich schon vor Stunden in Güstrow sein müssen, wieder konnte ich mich von deinen so ehrlich geschriebenen Text nicht loseisen! Du sprichst mir aus der Seele und immer läuft mir noch die Gänsehaut! Ich habe mich lange verbogen und mein Verstand betäubt, um in Firmen zu passen, um endlich eine Festanstellung zu bekommen. Bei einigen Arbeitgebern hätte ich wohl gleich ein Klappbett aufstellen sollen. Engagement, Loyalität, Ehrlichkeit und Können scheint in unserer Verschleißgesellschaft keinen hohen Stellenwert mehr einzunehmen. Irgendwann verschlechterte sich der Gesundheitszustand meiner Eltern so dramatisch und ich übernahm die Pflege. Ich lebe nicht ruhiger, im Gegenteil, oft bin ich seelisch und körperlich am Ende, ABER ich weiß jetzt, dass der Sinn des Lebens in immateriellen Dingen liegt….das man Leben sollte wie man es selbst möchte!
    Ich schätze ein ehrliches Umfeld! Ich schaffe mir Erinnerungen in den ich mit Freunden Zeit verbringe, ich reise, lese und koche gerne! Geld wird niemanden in keiner Lebenslage weiterhelfen! Meine Eltern haben sich kaputt gearbeitet…für das Alter gespart…nun sind sie krank, sind auf Hilfe angewiesen, die Pflegekasse freut sich über die Ersparnisse , und ein menschenwürdiges Dasein in einem Pflegeheim nicht absehbar!
    Also, leb deine Träume und lass dich nicht beirren! Jenny – du bist näher an der Wahrheit des Lebens als manch anderer!

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