Manchmal bin ich frustriert. Richtig frustriert. Dann sitze ich Zuhause auf dem Sofa und stehe kurz davor sämtliche „delete-buttons“ zu drücken und zu verschwinden. Komplett. Keine sozialen Netzwerke mehr, keine Seiten, keine Fotos mehr und auch kein sinnloses anschauen anderer Fotoblogs.

Dann will ich einfach nur noch den Laptop in die Ecke werfen, meine Tasche packen und am liebsten wieder auf Reise gehen. Ich habe aber gelernt diesem Trotz zu widerstehen und mir selber zu sagen: „Jenny, das ist nur eine Flucht vor dir selbst“. Also gehe ich nicht auf den „delete-button“ und versuche mit dem zufrieden zu sein was ich habe. Denn eigentlich ist das doch eine ganze Menge. Aber ich fange mal von vorne an. Als ich Ende 2011 mit dem fotografieren anfing, ahnte ich nicht, dass ich für die nächsten zwei Jahre an meinem Schreibtisch sitzen würde und mich vor Aufträgen kaum retten kann. Doch ich saß von morgens bis abends in meinem Zimmer und bearbeitete neue Bilder. Fr/Sa/So bot ich Photoshootings an, unter der Woche ging ich arbeiten und da am Wochenende wieder neue Shootings anstanden, bearbeitet ich alle Bilder nach der Arbeit bis spät in die Nacht.  Viel zu viele Bilder und das auch noch viel zu günstig. Aber ich wusste es nicht besser und steckte so mein ganzes Herzblut in meine Arbeit. Kaufte mir neue Kameras, besuchte Workshops und wollte mit jedem Tag besser werden. Ich probierte aus, verbrachte Stunden im Internet und suchte nach Tutorials. Geschlafen habe ich zu dieser Zeit kaum und meine Augenringe wurden von Tag zu Tag größer.

Jenny Bartsch Photography

Auf dem falschen Weg

Immer mehr schaute ich mich im Internet nach anderen Fotografen um, schaute ihre Bilder an, fing an ihre Kanäle zu abonnieren und verglich meine Bilder mit deren Bildern. Ich setzte mir neue Ziele und versuchte meinen Stil in eine andere Richtung zu lenken. Aber in welche? Was wollte ich überhaupt? Und während ich mich all dies fragte, merkte ich nicht, dass ich meine Freunde kaum noch sah, Partys regelmäßig absagte und mich immer mehr vor meinem Laptop, zum Bilder bearbeiten, zurückzog. Ich wollte nicht aufgeben, ich wollte gut sein. Gesehen werden und meine Bilder zeigen. Während ich wie ein Weltmeister Bilder postete und meine Seiten möglichst aktuell halten wollte schrieben mich immer mehr Leute an, die wissen wollten, wie ich meine Fotos mache. Ich zeigte es ihnen. Es raubte mir unfassbar viel Zeit die E-Mails zu beantworten und es allen Recht zu machen. Ich verkaufte mich komplett unter meinem Wert und verschwendete Zeit mit Dingen, die mir nichts brachten. Ich sah wie mich alle überholten. Zumindest alle Fotografen die ich so kannte und denen ich folgte. Und dann kamen da noch diese Pseudofotografen um die Ecke, die eine Fotoseite aufmachten, bisschen fotografierten, keine Ahnung von dem hatten, was sie da eigentlich taten und nur weil sie eine riesige Fanbase hatten auch noch 129303 Likes kassierten. Man sah schon an den Bildern das weder ein Konzept noch irgendwelches Know-How dahinter steckte. All das frustrierte mich. „Wieso reiße ich mir den Arsch auf und andere bekommen alles in die Wiege gelegt“. Mich ärgerten Models, die immer noch mehr verlangten und nicht zu schätzen wussten, was man eigentlich schon alles getan hat. Ich lernte so viele Menschen kennen und bemerkte, dass nicht alle Menschen mit einem guten Herzen zu einem kommen und ich mich so oft ärgerte und mich fragte:„ Wieso sind Menschen so? So undankbar, so unberechenbar und so falsch?…Natürlich schloss ich durch meine Arbeit auch sehr viele Freundschaften – viele die heute immer noch bestehen und die ich nicht mehr missen möchte.

Jenny Bartsch Photography_Porträt

Wenn Gedanken dich auffressen

Dennoch  saß ich vor einem riesigem schwarzen Loch. Es verschlang alle meinen Ideen, meinen Kreativität und meinen eigentlichen Stil. Es brachte mich durcheinander  und verwirrte mich. Ich empfand alles was ich tat als sinnlos. Hatte keine Lust mehr und distanzierte mich nach über 2 Jahren von meinen eigenen Bildern. Unzufriedenheit legte sich über alles was ich tat. Nichts machte mir mehr Spaß und ich merkte wie ich immer mehr in Selbstzweifeln versank. Das wirkte sich dann auch auf meine Arbeit aus, auf mein Lebensstil und alles was mir sonst in den Weg kam. Ich kann nicht sagen ob jemand von euch, der diesen Post lesen wird, je so ein Gefühl hatte aber ich war einfach jeden Tag 24/7 genervt. Jedes Geräusch, jedes Wort, alles brachte das Faß zum überlaufen. Mittlerweile war es Juni 2014 und ich machte nur noch hier und da ein Photoshooting. Eigentlich nur noch das worauf ich Lust hatte. Ich organisierte vieles selbst, suchte mir meine Models selber aus und merkte wie die Arbeit deutlich angenehmer wurde. Dafür verdiente ich kein Geld mehr mit meinen Bildern aber ich war freier und es fühlte sich eindeutig besser an. Doch aus meinem Sumpf an Unzufriedenheit und Gleichgültigkeit kam ich nicht heraus und verlor am Ende den Menschen, der mir in all der Zeit am nächsten war. Doch langsam wurde mir, nach zweimonatiger völliger Isolation bewusst, das ich was ändern muss. Das meine Einstellung so nichts bringt.

DER NEUSTART

Ich legte meine Kameras zur Seite. Las Bücher über Zeitmanagement und eigene Zufriedenheit. Fuhr ohne Kameras weg und machte kein einziges Foto mehr. Distanzierte mich von Fotoseiten und legte den Fokus auf mich. Einfach auf meine Person. Es brachte mir rein gar nichts, stundenlang vor dem Laptop zu sitzen und Fotos anderer Leute zu begaffen. Mit der Zeit ging es mir immer besser, was andere machten wurde mir plötzlich egal. Dann kam Afrika. Fünf Monate eine ganz andere neue Welt. Andere Menschen, andere Sitten und viel Zeit zum nachdenken. Fotografieren, ohne jeglichen Druck anderen etwas beweisen zu müssen. Fotografieren hat mir dort erst wieder richtig Spaß gemacht und ich merkte langsam wie sehr es mir gefehlt hat. Eines morgens wachte ich auf und hatte so eine Lust wieder Porträts zu schießen, dass ich mich hinsetzte und mein halbes Notizbuch mit Ideen vollkritzelte. Von dem Zeitpunkt an wusste ich:„Das Gefühl von damals ist wieder da aber diesmal mache ich alles anders“.

Jenny Bartsch Photography_Porträt

Oft sitze ich da und von jetzt auf gleich kommen mir zig Ideen, die ich noch umsetzen möchte. Dann gehe ich auf die Suche nach einem Model und einer passenden Location. Ich schaue mir keine anderen Blogs und Fotoseiten mehr für meine Inspirationen an. Das führt nur dazu das jeder das gleiche macht. Oft entstehen Ideen einfach aus Geschichten, die ich erlebt habe. In der letzten Zeit ist mir oft aufgefallen, dass viele Bildstile sich unheimlich ähnlich sind. Einer fängt an halb nackte Frauen auf seinem Bett zu fotografieren und das Bild immer im ähnlichen Stil zu bearbeiten. Plötzlich tummeln sich haufenweise solcher Fotos auf Facebook und ich denke mir:„Ah, das hat doch der XY-Fotograf gemacht“. „Doch nicht! Krass, sieht aber genauso aus“. Auf sowas habe ich keine Lust und das gleiche sehe ich immer mehr bei Hochzeitsfotografen. Kaum kann man noch unterscheiden wer das wohl gemacht hat. Aus diesem Grund habe ich mir vielleicht 5 Fotografen abgespeichert, die mich jedes Mal aufs neue beeindrucken und deren Arbeiten einfach wunderschön sind. Weil sie einzigartig sind und ich sie von keinem anderen in dieser Form kenne. Eins meiner liebsten Sprichwörter seit meinem Neustart: How to be successful? Focus on your own shit.

Noch während ich in Afrika war, erstellte ich ein neues Konzept und baute diesen Blog. Erneuerte meine Webseite und entwarf ein neues Corporate Design. Schrieb Models an und arbeitete neue Strecken aus. Es machte plötzlich unglaublich viel Spaß „sein Ding“ zu machen und nicht ständig zu schauen, wie das wohl die anderen machen. Es entstand ein Video und die ersten Blogeinträge über meine Reise. Meine Facebook Page lief auch langsam wieder an und immer mehr Mails erreichten mich….

MEINE STILLEN LESER

Noch vor einiger Zeit nagte es an mir, dass zwar viele meine Bilder sehen und meine Seite besuchen aber kaum jemand auf „Gefällt mir“ drückte oder einen Kommentar hinterließ. Da fragte ich mich immer:„Sind meine Bilder so schlecht? Wenn das Bild jemand anderes posten würde, wie viele Likes gäbe es dann wohl?“ Doch vermehrt sprachen mich die Leute direkt an oder schrieben mir eine Nachricht. Das empfand ich sogar noch schöner, da es viel persönlicher war. Ich kam mit vielen Menschen in Kontakt und führte lange und sehr angenehme Gespräche. Irgendwann merkt man, dass es nicht auf Likes oder auf Kommentare ankommt. Das man sich davon auch nichts kaufen kann und viele Kommentare auf Facebook nur dazu dienen, dass andere sich selber oder Ihre Fotoseite in den Vordergrund schieben wollen. Das brauche ich absolut nicht. Ich sehe an den Zahlen auf diesem Blog, das viele meine Beiträge lesen und das ist was zählt. Das meine Arbeit anderen gefällt und ich Bilder kreieren kann, die Menschen interessieren und vielleicht auch inspirieren. Vor ein paar Tagen erhielt ich diese Nachricht und sie warf damit all meine schlechten Gedanken über Bord und regte mich an, diesen Blogpost überhaupt zu schreiben:

Liebe Jenny,
schon seit Jahren bin ich stille Bewunderin von allem was du machst.
Kennen tun wir uns irgendwie, aber dann doch irgendwie nur flüchtig.
Ich bin Fan davon, auszusprechen, was man denkt –
besonders, wenn es schöne Dinge sind, die man zu sagen hat.
Also raus damit!

Was du machst, beeindruckt mich. Ich mag deine Art, die Welt zu sehen und ich mag auch deine Gedanken, die du dazu hast und den Teil der Gedanken, den du mit allen teilst. Besonders deine Bundeswehrzeit hat mich gepackt und irgendwie lässt mich deine Arbeit nicht mehr los. Alles was du so machst und veröffentlichst, saug ich auf – hör einfach nicht mehr auf mit dem, was du machst.

Alles Liebe, Julia

Ich werde mich wegen sozialen Netzwerken nie wieder verrückt machen und das sollte niemand von euch. Das Leben findet da draußen statt. Ich habe aufgehört mich selbst unter Druck zu setzen und nur noch das zu machen, was mir Spaß macht und mich weiterbringt. „Nein“ zu sagen ist ebenfalls wichtig geworden. Man muss sich von dem Gedanken lösen, schnell und direkt erfolgreich zu werden und der nächste Peter Lindbergh oder wer auch immer zu werden. Leidenschaft ist das was einen antreibt und die Menschen die hinter einem stehen. Und selbst wenn niemand mehr diesen Blog lesen würde, ich würde weiterschreiben. Denn das wichtigste ist doch, dass man es für sich macht und es einen Tag für Tag glücklich macht.

Jenny Bartsch Photography_Porträt

„DU KANNST NIEMALS GUT GENUG FÜR ALLE MENSCHEN SEIN, ABER DU WIRST IMMER DIE BESTE PARTIE FÜR DIEJENIGEN SEIN, DIE DICH ZU SCHÄTZEN WISSEN UND SICH JEDES MAL VON GANZEM HERZEN FREUEN, DICH WIEDERZUSEHEN.
UND NUR DAS ZÄHLT“

Written by Jenny Bartsch
Portrait and Documentary Photographer

    15 Kommentare

  1. simone 8. Februar 2016 at 13:51 Antworten

    Ich bewundere deinen Mut, deine Ehrlichkeit , so offen , über deine Sehnsüchte , Gedanken, deine Ängste zu schreiben .
    Ich bin mir ganz sicher , dass es einige andere auch zum nachdenken anregt.
    Es freut mich , dass du einen neuen Weg gefunden hast , der zu dir passt , dich ausmacht und immer wieder EINZIGARTIG sein lässt .

  2. Andreas Albrecht 8. Februar 2016 at 14:39 Antworten

    Auf den Punkt ! ich behaupte fast JEDER (Kunst)-schaffende hat diese oder ähnliche Erfahrungskurven durchlaufen.
    Es ist aber die pure Beruhigung es nochmal von anderer Seite zu lesen. :-).

    Dein Blog war heute mein Highlight…in den sozialen Netzen..

    Ich lebe nicht davon, ich habe einen festen Job seit 20 über Jahren im Büro. Aber auch wenn man versucht „nebenbei“ noch selber was hochzuziehen und sogar einen gewissen Ehrgeiz entwickelt, sind die von Dir beschriebenen Phasen identisch.
    Andreas

    • Jenny Bartsch 10. Februar 2016 at 16:03 Antworten

      Hallo Andreas:)
      vielen Dank für deinen Kommentar! Freut mich, dass er dir gefallen hat.
      Bin wirklich froh, dass es noch andere Leute gibt, den es so geht oder ging!
      Viel Erfolg weiterhin und alles Liebe

  3. Sebastian 8. Februar 2016 at 19:06 Antworten

    Hammer! Du sprichst mir aus der Seele ☀️
    … und jetzt Handy weg und Leben!

    • Jenny Bartsch 10. Februar 2016 at 16:05 Antworten

      Hey Sebastian!
      wird gemacht:)

      Sehr schöne Bilder übrigends;)
      Jenny

  4. Melanie 8. Februar 2016 at 19:33 Antworten

    Hallo Jenny
    Seitdem du Fotos von mir und meinen Kindern gemacht hast, verfolge ich deine Fotos auf Facebook mit Begeisterung. Ich hatte ja keine Ahnung was alles dahinter steckt…. Jetzt kann ich deine Fitos noch mehr schätzen als vorher. Nochmal vielen Dank für viele wunderschöne Aufnahmen.

    • Jenny Bartsch 10. Februar 2016 at 16:06 Antworten

      Ah liebe Melanie:)
      das ist aber eine liebe Nachricht! Vielen vielen Dank.
      Sehr gerne und immer wieder gerne. Hoffe es geht den beiden und euch gut:)

  5. Markus Nurischad 8. Februar 2016 at 19:40 Antworten

    Da ist sie wieder, genau die Jenny die ich kenne und die mich immer wieder auch herzhaft zum Lachen gebracht hat. Du hast es super beschrieben, all diese Hochs und Tiefs. Jetzt hast Du das Wesentliche erkannt. Manchmal bedarf es dazu etwas einschneidendem und als Soldat im Einsatz zu sein bringt einem die Sicht auf das Wesentliche zurück. Du hast Dich in all den Jahren in denen ich Dich kenne stetig weiter entwickelt auch wenn Du es selbst manchmal als Stillstand wahrgenommen hast. Der Einsatz hat Dein ganzes Potenzial erst richtig entzündet und ich bin froh es richtig vorausgesehen zu haben. Bleibe weiter Du selbst, denn Du bist wirklich gut.
    Markus

    • Jenny Bartsch 10. Februar 2016 at 16:21 Antworten

      Markus:)
      habe mich wahnsinnig über deinen Kommentar gefreut!!Danke,Danke,Danke!!
      Ich kann mich noch an den Moment erinnern, wo du es mir gesagt hast und ich völlig aus dem Häuschen war:)
      Danke,dass du das ermöglicht hast. Hoffe es geht dir gut:)

  6. Karlis 15. Februar 2016 at 14:59 Antworten

    Das alles kommt mir so bekannt vor… Danke für deine Gedanken, Worte und Sätze!

  7. Andreas Völker 16. Februar 2016 at 9:50 Antworten

    Das Leben – Eine Achterbahnfahrt! Alles Gute für die nächste Runde!

  8. Oliver Keller 16. Februar 2016 at 18:35 Antworten

    Hallo Jenny,
    Du sprichst mir aus der Seele. Man treibt sein Ding voran, und versucht sich nach allem zu strecken was möglich ist. Man vergleicht sich mit anderen Fotografen. Macht sich Gedanken darüber warum es bei anderen läuft. Wird beim betrachten andere Bilder zu nachdenklich und zu selbstkritisch über die eigene Arbeit. Zweifelt an sich.
    Das Ende davon ist, das man nicht den geraden Weg verfolgen kann und die Menschen verletzt oder vielleicht sogar verliert, die einen auf diesen Weg gebracht haben. Dein Bericht hat mir Mut gemacht doch das richtige zu tun und mir treu zu bleiben. Ich bin beruhigt das es anderen Menschen auch so geht oder ging.
    Danke für die sehr persönlichen Eindrücke die Du uns preisgegeben hast.
    Liebe Grüße Oliver

  9. Joanna 1. März 2016 at 21:10 Antworten

    Jenny deine Arbeit ist wunderbar. Ich bewundere dein Talent und deine Leidenschaft. Auch die Vielfalt deiner Arbeit ist beeindruckend, wenn man deine Berichte liest wird man richtig gefesselt. Ich hoffe du machst es noch lange weiter und behälst die Freude an deiner Arbeit.

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