Plötzlich bist du in einem Land, in dem du völlig fremd bist. Die Leute dich anschauen  – eben weil sie genau sehen, dass du aus Europa kommst. Du fühlst dich unwohl und beobachtet. Man hat Angst sich falsch zu verhalten oder jemanden zu verärgern. Also sagt man  lieber gar nichts. Du trägst Klamotten und kommst dir damit völlig fehl am Platz vor, total overdressed und abgehoben.

Dabei ist das in meiner Welt völlig normal. Du siehst viele Dinge als selbstverständlich und wunderst dich, warum das hier nicht so läuft wie bei uns. Z.b. einkaufen. In Djibouti lässt man sich an der Kasse unfassbar viel Zeit, es wird noch gequatscht und niemand verbreitet Hektik. Tja, da steht man dann als deutscher und wippt schon wieder ungeduldig mit dem Fuß und denk: „Geht das ganze auch ein bisschen schneller?“. Nein, geht es nicht weil wir in Afrika sind und das ist hier eben so. Die Leute haben kein Stress und die Leute machen sich auch untereinander nicht so verrückt. Einkaufen erzeugt bei mir in Deutschland einfach nur Stress. Ich hasse es. Auch im Straßenverkehr wird alles sehr locker genommen. Ampel werden ignoriert und Spuren gewechselt wann es einem passt. Daran muss man sich eine lange Zeit gewöhnen. Und mir ist immer wieder unklar wie sie es schaffen  keine großartigen Unfälle zu bauen. Ich komme mir dagegen total spießig vor, wenn ich frage wie schnell man denn hier fahren darf oder mich frage warum hier keine Begrenzungsstreifen sind. Dagegen kommt mir der Straßenverkehr in Deutschland völlig übertrieben vor, hunderte Regeln und viel zu übertreibende Geldstrafen. Unfälle passieren trotzdem genug.

Und wenn  man so durch die Straßen läuft und die vielen kaputten Häuser sieht, fühle ich mich schlecht. Die Menschen wohnen in, ich weiß gar nicht wie ich es nennen soll, „Wohnungen“ zusammengestellt aus Wellblech und die Tür ist eine einfache Holzplatte. Beim nächsten großen Sandsturm ist davon wahrscheinlich auch nichts mehr vorhanden. Natürlich gibt es auch feste Häuser und das „bessere Viertel“ von Djibouti aber überwiegend herrscht hier die Armut. Ein Mann liegt jeden Tag an der Straße, er schläft auch da und manchmal weiß ich gar nicht, ob er überhaupt noch lebt. Aber am nächsten Tag ist er noch da und schaut den Autos hinterher.

Ich fühle mich aber auch schlecht, wenn ich sehe was wir in Deutschland für ein unsinniges Konsumverhalten haben. Von allem gibt es viel zu viel und wir werfen weg wo es nur geht. Lebensmittel weil sie nicht der Normalgröße entsprechen oder frisch verpackte Sachen weil sie ein Gast schon auf seinem Teller hatte aber nicht angerührt hat. Ich finde das alles so beschämend und frage mich so oft:“ Wann hat das angefangen und wo wird das noch Enden“. Als wir in einem Flüchtlingslager waren und ich gesehen habe mit was die Kinder dort spielen, hätte ich am liebsten mein ganzes Kinderspielzeug aus Deutschland einfliegen lassen, welches seit Jahren bei meinen Eltern im Keller verstaubt. Plastikflaschen sind bei den Kindern hoch im Kurs. Dient als Fußball aber auch als Puppe:(

Und dann denke ich an die Kinder die ihre Kuscheltiere anzünden oder ihnen den Kopf abreißen. Weil viele in unserem Land einfach nichts mehr Wert zu schätzen wissen. Weil eine Kleinigkeit zu Weihnachten nicht ausreicht und weil es heute ein iPhone sein muss. Um so länger ich jeden Tag diese Vergleiche vor mir habe – will ich nicht mehr zurück. Konsum, Stress, Hektik, jeder will der Beste sein – egal um welchen Preis, Mobbing, Burnouts und Menschen die andere Menschen aus anderen Ländern diskriminieren. Menschen die Flüchtlingsheime anzünden weil sie „Angst“ haben. Alles Probleme meiner Welt und die ich kein bisschen vermisse.

Die Menschen hier sind so freundlich uns gegenüber, hilfsbereit und freuen sich über alles was sie bekommen. Sie winken und ich frage mich, wie sich Fremde in unserem Land wohl fühlen…

Wirklich reich ist der, der mehr Träume in seiner Seele hat, als die Wirklichkeit zerstören kann.

Written by Jenny Bartsch
Portrait and Documentary Photographer

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